Sonntag, 25. Januar 2026

Moos und die rote Stiege

Im heurigen Jänner war es entweder neblig, schneeig oder eisig. Oder alles zusammen. Derzeit taut es, was den Nebel zu noch mehr Nebel, den Schnee zu Gatsch, und das Eis zur Rutschbahn verwandelt. Bei einem ungewollten Ausrutscher war ich dann unserer Misthaufenmauer ganz nah, näher als nie zuvor... und wie ich da so am Allerwertesten sitz, was seh ich da? Genau, Moos, besser viele frisch aufgetaute Moose, ganz wunderbar und gar nicht unscheinbar.

Moose auf einer Mauer. Bild von wikicommons ausgeborgt

Das folgende Stück Lyrik hatte ich schon vor über 10 Jahren abgespeichert, keine Ahnung mehr woher, aber ich finde es noch immer einfach schön. Muss mit Tempo gelesen werden, finde ich, bloß kein schwermütiges Runterbeten...

 

Moos

Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloß
so im Vorübergehen,
so nebenbei von obenher,
so ungefähr -
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?

O Wunderschrift! O Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen
und wuchert wild und wunderbar
im Tannendunkel Jahr für Jahr,
mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethärchen, Blütenglöckchen,
und wächst so klein und ungesehen -
ein Hümpel Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen …

Doch manchmal kommt es wohl auch vor,
dass sich ein Reh hierher verlor,
sich unter diese Zweige bückt,
ins Moos die spitzen Füße drückt,
und dass ein Has’ vom Fuchs gehetzt,
dies Moos mit seinem Blute netzt …
Und schnaufend kriecht vielleicht hier auch
ein sammetweicher Igelbauch,
indes der Ameis’ Karawanen
sich unentwegt durchs Dickicht bahnen.
Ein Wiesel pfeift – ein Sprung und Stoß -
und kalt und groß
gleitet die Schlange durch das Moos …

Wer weiß, was alles hier geschieht,
was nur das Moos im Dunkeln sieht:
Gier, Liebesbrunst und Meuchelmord -
kein Wort verrät das Moos.
Und riesengroß die Bäume stehen -
Hast du schon jemals Moos gesehen?

 

einfach Moos

Von dem Autor Siegfried von Vegesack hatte ich nie zuvor gehört. Recherchiert mal selber, ist interessant. U.a. bezeichnete er ob der hohen Renovierungskosten den von ihm bewohnten Turm als "fressendes Haus". So ein ziemlich verfressenen Haus haben wir auch, grad hungert es nach einem neuen Dach für die Einfahrt... obohl es dort eh schon eine schicke rote Stiege und eine grüne Wand gekriegt hat.

die rote stiege vor der grünen Wand, anno 2006

Aber zu guter Letzt zurück zum Moos, in das sich oft Pilze kuscheln, was dem Sigfried entgangen sein dürfte. Aber was reimt sich auch schon auf Gallertfleischiger Fältling...

Phlebia tremmellosa, der Gallertfleischige Fältling